Zeitgeschichte: Vor 30 Jahren - 'Der Sommer der Anarchie' in Berlin 1990

Ob 1. Mai im Görlitzer Park in SO36, eine Demonstration von Wehrdienstgegner 'Unter den Linden', die Besetzung einer Botschaft im DDR-Diplomatenviertel, ein Graffitto am Henry-Ford-Bau der Freien Universität in Dahlem. Im Sommer 1990 war in Berlin immer etwas los. Er hatte etwas 'leichtes'. In Ost-Berlin waren Dutzende Häuser besetzt, die 'Volkspolizei' hatte keine wirklichen Schnitte mehr. Als junger Radio-Reporter bald jeden Tag bei zwei, drei Terminen gewesen. Von der DDR-Regierungspressekonferenz (mit einer gewissen Angela Merkel als kratzbürstige Vizepressesprecherin) bis hin zur Besetzung der Staatssicherheitszentrale in Lichtenberg. Unvergesslich. sommer der anarchie 1990Fotos: Fred Kowasch, All Rights Reserved

Klare Kante: Das Thema ist Polizeigewalt. Auch in Deutschland

von Fred Kowasch

Der Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 lässt die USA erbeben. Aufstände, Plünderungen, brennende Polizeiautos, Ausgangssperre. In Dutzenden Städten. Ein Tod aus Rassismus? Sicherlich. Denn solche Fälle sind keine Ausnahme. Sie werfen allerdings auch ein Schlaglicht auf das Thema Polizeigewalt. Cops, die machen was sie wollen, weil es für sie praktisch keine Einschränkung gibt. Keine Justiz, die ihr Handeln kontrolliert. Sie in ihre Schranken weist.

Auch in der Bundesrepublik ist Polizeigewalt seit Jahren ein Thema. Es gibt eindrückliche Filme, die dieses Thema zum Inhalt haben. Es gibt Studien - wie die des Bochumer Polizeiwissenschaftlers Tobias Singlstein - die Polizeiübergriffe analysieren. Wer sich allerdings länger mit dem Thema beschäftigt, kommt nicht selten zu der Einsicht: es bringt nix. Weil Ihnen doch nichts passiert. Die Rede vom 'Rechtsstaat', indem unabhängig ermittelt und geurteilt wird, nicht mehr als ein frommer Wunschtraum ist.

Beispiele? Ende Oktober 2005 habe ich 'Unter den Linden' eine Protestaktion von Militärgegnern am Rande eines öffentlichen Gelöbnisses vor dem Berliner Reichstag gedreht. Als plötzlich ein zivil gekleideter Polizeibeamter seinen Schlagstock zückte und wie von Sinnen auf friedliche Demonstranten einschlug. Wieder und wieder. Ich hatte damals das 'Glück' und stand mit meiner DV-Kamera direkt daneben. Das Interesse an den Filmaufnahmen liessen unsere Webseite zusammenbrechen. Der Täter wurde - polizeiintern - versetzt. Mehr ist ihm - nach meinem Wissen -  nicht passiert.



Der 6. Juli 2007 am Hamburger Fischmarkt. Eine angemeldete - und von der Versammlungsbehörde genehmigte - Demonstration gegen den G-20-Gipfel. Darunter auch ein- bis eineinhalbtausend Autonome, die Mehrzahl von ihnen vermummt. Obwohl die Meisten von Ihnen - nach Aufforderung der Polizei - diese ablegten, gingen die Cops in den Demonstrationszug. Ich stand am Rand, konnte direkt in die weit aufgerissenen Pupillen zahlreicher Beamter der Festnahmeeinheiten sehen. Die Schreie der Verletzten hören. Noch nie in meinem Leben habe ich in so kurzer Zeit so viele offene Brüche, so viele Verletzte gesehen. Bis heute wurde keiner der bei G-20 eingesetzten Polizeibeamten angeklagt. Geschweige denn verurteilt.

Noch ein Beispiel? Der 1. Mai 2020 in Berlin-Kreuzberg. Trotz Corona: eine Spontandemonstration durch das alte SO 36. Eine Person wird festgenommen. Mehrere Polizisten hocken auf dem Menschen. Ein Kollege filmt es. Weil es dunkel ist mit Licht. Bei der nachfolgenden Polizeiaktion spürt er den Stoss von einem Schlagstock. Direkt in die Niere. Eine Anzeige gegen Polizeibamte macht offenkundig wenig Sinn, weil - in der Regel - eine Gegenanzeige folgt. Also verzichtet er. Zum Glück blieb er weitgehend unverletzt. Eine Kollegin hatte da weniger Fortune. Ihr wurden an diesem Abend bei ihrer Arbeit von einem Polizisten mehrere Zähne ausgeschlagen.

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